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Frühes Englisch lernen: alles umsonst?



Frühes Lernen einer Zweit- oder Drittsprache war der baden-württembergischen Landesregierung einst sehr wertvoll: Viel Geld wurde in die Einführung des Englischunterrichts ab der ersten Klasse in der Grundschule investiert. Allein die Weiterbildung der Lehrkräfte, die durch ihre Ausbildung nicht auf einen Englischunterricht vorbereitet waren, kostete Zeit und Geld. Und jetzt, da der Unterricht zufriedenstellend läuft, soll alles umsonst gewesen sein. Die neue Bildungsministerin Eisenmann will 630 Lehrerstellen "einsparen", indem der Fremdsprachenunterricht erst mit der dritten Klasse beginnen soll. Die so gewonnenen Stunden sollen als Poolstunden in die Förderung von Deutsch und Mathematik eingesetzt werden. Die FDP zeige Verständnis und der grüne Koalitionspartner warte erst einmal ab, berichtet die Stuttgarter Zeitung. Nur die SPD-Opposition spreche von einem "Offenbarungseid". Was jetzt mit einem Verschieben von Deputaten und Gewichtungen endet, hatte einst einen Ernst zu nehmenden pädagogischen Ansatz.

Die Sprachforschung lehrt uns seit vielen Jahren, dass das Erlernen einer zweiten oder dritten Sprache besonders leicht in einem Zeitfenster bis etwa zum sechsten Lebensjahr fällt, weil das Lernen bis dahin implizit, also intuitiv bleibt. In der Schule lernen Kinder mit den dort sonst gebräuchlichen Methoden. Nach diesem Ansatz wäre es auch sinnvoll, den Erwerb einer Zweitsprache schon in die frühe Kindergartenzeit vorzuverlegen. Die Forschungsergebnisse sind recht ermutigend. Sie zeigen aber auch, dass der Erfolg sich nicht einstellt, wenn die Kinder nur zwei oder drei Stunden pro Woche spielerisch in Kontakt mit dieser Sprache kommen. Die angemessene Methode, so hat Kirstin Bergström 2013 nachgewiesen, ist die "Immersion". Solch ein Sprachbad bedeutet, dass eine Erzieherin oder ein Erzieher, möglichst Muttersprachler, ausschließlich in dieser Zweitsprache mit den Kindern kommunizieren.

Übertragen auf die Grundschule bedeutet das die Einführung eines bilingualen Unterrichts nach der Methode des Sprachbads. Unter den üblichen Sprachlernbedingungen der Grundschule jedoch lernen Grundschüler in den ersten Klassen eine Fremdsprache langsamer als Schüler, die erst mit zehn Jahren oder noch später beginnen. Das zeigen Langzeitstudien von Carmen Muñoz, Professorin an der Universität Barcelona: Die Linguistin verglich über zehn Jahre hinweg die Fortschritte von Englischlernern, die im Alter von acht, elf und vierzehn Jahren begonnen hatten: »Nach derselben Anzahl von Jahren zeigten die älteren Starter bessere Ergebnisse als die jüngeren. Wir führen das auf ihre größere kognitive Reife zurück und darauf, dass die jüngeren Lerner der Fremdsprache nicht stark genug ausgesetzt waren.« Die Konsequenz daraus ist: "The best age is late childhood and adolescence if the learning conditions are those typical of regular school programs (e.g. three sessions of 50 minutes per week) and there is no real contact with the language outside the classroom". Insofern kann der Beginn des Zweitsprachunterrichts wirklich auf die dritte Klasse verschoben werden, oder?

Zusätzliche Bedenken äußern manche Gymnasiallehrer schon seit vielen Jahren. So zitierte die "Zeit" 2012 den Präsidenten  des Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger : »Die Lehrer müssen im Gymnasium noch einmal von vorn anfangen. Auf den Ergebnissen des Grundschulunterrichts, so wie er zurzeit stattfindet, lässt sich kaum aufbauen.« Zu verspielt sei der Unterricht, oft unterfordere und demotiviere er die Schüler, manchmal bekämen sie eine falsche Aussprache beigebracht. Auch Heiner Böttger von der Universität Eichstätt-Ingolstadt äußert sich kritisch: Studiengänge für Fremdsprachenlehrer an Grundschulen wurden erst eingerichtet, nachdem der Unterricht schon angelaufen war. »Diese neuen Studiengänge bieten eine solide Ausbildung. Wer sie absolviert hat, ist auf die Aufgabe sehr gut vorbereitet«. Aber eben erst jeder fünfte Fremdsprachenlehrer an den Grundschulen hat ein solches Studium durchlaufen. Der Großteil der Stunden wird nach wie vor von fachfremden Lehrern unterrichtet, die sich im Schnellverfahren weiterbilden mussten, manchmal in nur wenigen Wochen. Bedenklich wird es aber, wenn der "Fremdsprachenunterricht" gegen mangelhafte Schülerleistungen im Schreiben, Lesen und Rechnen aufgewogen wird, so als könne man nicht beides haben. Stefan Küpper, Sprecher der Arbeitgeber in Baden-Württemberg und im Grundberuf Volkswirt, laut Stuttgarter Zeitung  (22.04.2017): "Deshalb sind alle Schritte konsequent, die den Fokus wieder stärker auf die Verbesserung der Grundbildung legen". Bei allem Verständnis für die Arbeitgeber, wenn ihre Mitarbeiter nicht angemessen schreiben und rechnen gelernt haben, aber diese Alternative ist mit Verlaub pädagogisch unsinnig, denn auch Arbeitgeber brauchen in einer globalsierten Welt Mitarbeiter, die die Weltsprache Nr. 1 verstehen und sprechen können. Dieser Ansicht ist auch Prof. Jörg-Ulrich Keßler von der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg: "Wie eine Verschiebung des frühen Fremdsprachenlernens einen Beitrag zur Qualitätsverbesserung in der Grundschule leisten kann, ist wissenschaftlich unerklärlich".

Vielleicht doch nicht so ganz aus der Luft gegriffen, wenn man Forschungsergebnissen aus der Schweiz trauen darf. In der Neuen Zürcher Zeitung stellt René Donzé eine Sudie von Nicole Bayer und Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich vor. Darin wird der Aufwand für einen frühzeitigen Englischunterricht in Frage gestellt. In anderen Kantonen wurde neben dem Französisch-Unterricht Englisch als zweite Fremdsprache früh eingeführt. In einer  Untersuchung der Linguistin Simone Pfenninger von der Universität Zürich wurden Gymnasiasten, die ab 8 Jahren Englischunterricht hatten, mit Gymnasiasten, die erst mit 13 Englisch lernten, verglichen. Nach sechs Monaten hatten die Spätlernenden die Frühlernenden bereits eingeholt – oder waren sogar besser. Einen Langzeiteffekt von Frühenglisch gab es nicht. Die Konsequenz muss aber nicht unbedingt die sein, den Beginn des Fremdsprachunterrichts zu verschieben, sondern ihn zu intensivieren. Simone Pfenninger: "Will man bereits in der Primarschule anfangen, braucht es mehr Wochenlektionen. Sechs bis acht Stunden pro Woche und Fremdsprache sind das Minimum". Und im Interview im Tagesanzeiger: "Der Immersionsunterricht auf Sekundarstufe, also wenn beispielsweise auch Geografie oder Geschichte in einer Fremdsprache unterrichtet wird, ist äusserst erfolgreich. Das zeigen Programme etwa bei Zürcher Kantonsschulen oder bei Privatschulen. Die Schüler mit Immersionsunterricht stechen absolut heraus – egal, wann sie mit der Fremdsprache begonnen haben und wie motiviert sie sind. Über die Erfolge eines frühen Immersionsunterrichts berichtet auch Henning Wode, Sprachwissenschaftler in Kiel und Vorstandsmitglied des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit. Wode rät dazu, eine Zweitsprache immersiv in Kita und Grundschule einzuführen und sie nach der 4. Klasse bilingual im Sachunterricht fortzusetzen. Eine zweite Fremdsprache könnte dann ab Klasse 5 beginnen. In der Konsequenz bedeutet das: Ein früher Beginn des Zweitsprache-Lernens ist gut und nachhaltig, wenn er in die Lebensphase fällt, in der die Kinder intuitiv lernen und wenn sie im Sprachbad von Muttersprachlern lernen. Aber: Die Politik muss dazu das nötige Geld investieren wollen.

Und noch ein paar Argumentationshilfen sollen angefügt werden: Bedenken, dass das Gehirn vor lauter Lernen überlastet werden könnte, muss man nicht haben. Aber das Gegenteil, dass nämlich Kinder, die viele Sprachen lernen, intelligenter werden, trifft auch nicht zu. Ein paar positive Effekte gilt es jedoch zu betonen: Kinder, die eine zweite Sprache lernen, haben dadurch einen leichten Gewinn an Gedächtnisleistungen und in der Aufmerksamkeit und letztlich auch in ihrem Wissen über die Struktur von Sprache und über das Lernen. Wer mit mehreren Sprachen aufwächst, lernt auch, zwischen unterschiedlichen Sprachsystemen hin- und herzuschalten", erklärt die Psychologin und Sprachwissenschaftlerin Pauline Schröter vom Max-Planck-Institut (MPI) in Berlin. Und Pädagogen können Vorteile aus erweiterten didaktischen Methoden ziehen, wenn sie den Kindern eine neue Sprache erschließen: Sie nutzen intensiv eine ganze Reihe erweiterter Kommunikationsstrategien wie z.B. Betonung und Aussprache, Mimik und Gestik oder Bilder, Objekte, Filme. Dadurch profitiert sogar die Muttersprache, wie Kirsten Kersten von der Universität Hildesheim in einem Interview ausführt.

Was ich in der Diskussion vermisst habe, ist der Standpunkt der Kinder. Ich frage mich, ob diejenigen unter ihnen, die eine zweite (oder dritte?) Sprache früh und immersiv gelernt haben, sich später in der Schule leichter tun, weniger Hemmungen haben zu sprechen, anderen Sprachen (Kulturen, Meinungen ???) gegenüber offener sind. Dazu gibt es in der Literatur wenige hilfreiche Publikationen.

Es bleibt auch die Frage,was mit den Kindern und den Kitas werden soll, in denen jetzt schon seit Jahren bilingual gelernt und gelebt wird?

Zusammengefasst überwiegt der Nutzen bei früh beginnendem Zweitspracherwerb, eine ausreichende Kontaktzeit vorausgesetzt und vielleicht auch in Abhängigkeit von emotionaler Zuwendung. Oder wie es Fred Genesee von der McGill University in Montreal unter dem Titel "Is There an Optimal Age for Starting Second Language Instruction?" sagt: "The combined advantages of extended time and opportunities furnished by early instruction probably make it more conducive to attaining the higher levels of second language proficiency, provided that full advantage is taken of them through effective pedagogy." Da gilt es natürlich für Frau Eisenmann und andere Kultusminister, klug und weitsichtig abzuwägen.

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