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Musik im Hintergrund: Gut für Konzentration und Lernen?


Unter dem Titel "Musik kann euch helfen, konzentrierter zu arbeiten – wenn ihr die richtige hört" schreibt Philipp Kienzl bei ze.tt über das Lernen mit Musik im Ohr (oder auf dem Ohr?). "Musik ließ mich mein Umfeld vergessen und half mir, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Ohne Musik wurde jedes Flüstern meiner Sitznachbar*innen zum Geschrei und jeder Kuli-Klick zum Peitschenknall. Bis heute ist das so. Musikhören gehört fest zu meinem Alltag, wie blinzeln oder Nägel kauen. Ich höre ständig Musik." Ob Musik hören beim Lernen wirklich hilft oder eher ablenkt und stört, will er wissen und zitiert einige Studien zu diesem Thema. Und wenn schon Musik, dann welche? Keineswegs sei so eindeutig belegt, dass es Musik von Mozart sein müsse. "Nach einem Experiment der University of California in Irvine hätten Testpersonen ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen, wenn sie klassische Musik (insbesondere von Mozart) hörten. Diese Ergebnisse konnten allerdings in späteren unabhängigen Experimenten und Metastudien nicht reproduziert werden", so Kienzl.



Die Möglichkeit, dass auch die Stille ihren Wert hätte, bezweifelt er mit dem Argument, dass es Stille im Alltag gar nicht gäbe: "Eine derartige Umgebung ist außerhalb künstlich gestalteter Rahmenbedingungen schwer im Alltag zu finden."Abgesehen davon, dass es doch Wohnorte mit Stille gibt" (will er die wirklich suchen oder kann er sich Stille gar nicht vorstellen?), meint er, dass Stille die leisesten Geräusche laut erscheinen lasse: "Je stiller es ist, desto sensibler sind wir gegenüber den Geräuschen aus der Umgebung. Das Ticken einer Uhr, ..., die Straße vor dem Haus, alles hört sich lauter an." Womit er ja Recht hat.

Und dann noch einmal: wenn Musik, dann welche? "Songs, die wir entweder sehr mögen oder gar nicht leiden können, taugen nicht zum Arbeiten. Denn in solche Songs investieren wir zu viele Emotionen, was uns wiederum ablenkt." Das ist dann aber sehr subjektiv und nicht wirklich mit Studien untermauert. Ich persönlich mag am liebsten die Musik hören, die ich gerne mag (wenn überhaupt!). "Fremde Geräusche und Melodien, die wir noch nie gehört haben, ziehen Aufmerksamkeit an. Wir wollen wissen, was hier so tönt. Wissenschaftler*innen der Fu Jen Catholic University in Xinzhuang City in Taiwan untersuchten den Einfluss der eigenen Musikvorliebe auf die Konzentrationsfähigkeit. Das Ergebnis: Am besten sind Lieder, die uns völlig egal sind." Na, so ganz genau haben die Autoren das aber nicht gesagt.

Musik und eingebettete Naturgeräusche könnten helfen. "Das Rauschen eines kleines Bachs oder das Plätschern von Regentropfen kann die Stimmung, die Konzentrationsfähigkeit und generell die Zufriedenheit beim Arbeiten erhöhen. Denn genau wie White Noise überdecken sie zwar störende Töne aus der Umgebung, lenken aber trotzdem nicht ab. Das fanden Wissenschaftler*innen des Rensselaer Polytechnic Institute in New York heraus. Gänzlich ohne Musik kommt Rainymood aus, eine Website, die nichts weiter als den Sound von stürmischem Regen abspielt." Das ist so auch nicht richtig. White noise (ein Rauschen, das alle Frequenzen enthält), kann zwar in einzelnen Situationen gewisse Neurotransmitter stimulieren, die Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen modulieren, jedoch nicht generell kognitive Leistungen positiv beeinflussen. "There was no positive effect of listening to white noise or the tone for either group", fand Elin Schröder in einer Arbeit mit aufmerksamen und unaufmerksamen junggen Erwachsenen. Und in einer schwedischen Studie von Söderlund und Mitarbeitern (2010) erwies sich weißes Rauschen als Hintergrundgeräusch hilfreich bei manchen unaufmerksamen Kindern, aber mit gegenteiligem Effekt bei Kindern ohne Aufmerksamkeitsprobleme. Alles in allem: Es gibt nichts, was für alle gut ist. Manchem schadet es auch.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt dann auch Philipp Kienzl: "Am Ende muss jeder für sich selbst herausfinden, mit welchen und wie vielen Geräuschen er sich beim Produktivsein am liebsten umgibt. Was die einen zum tanzen bringt, lässt andere in den Konzentrationstunnel fallen. Am besten ist, du wählst etwas breite Musik, die du kennst, aber nicht zu gerne hast, ohne oder mit nur wenigen Lyrics, mit einem 60 Bpm-Tempo, und Regentropfen-Geplätscher und klassischen Barock-Elementen kombiniert. Ist doch ganz einfach, oder?" Barockmusik könnte als Klanguntermalung helfen. Oder noch rätselhafter: Tiefklingende Geräusche ("Alpha Music") mit einer Frequenz von 7-12 Hz, die den Alpha-Wellen der Hirnströme entspricht, fördert entspannte Aufmerksamkeit. Wenn Sie das mal hören wollen, gibt es wie immer schon ein Beispiel bei YouTube. Hören Sie mal das folgende Beispiel mit minimalistischen Klavierklängen plus Bächlein im Hintergrund.



Und? Entspannend? Langweilig? Nervig?

Ich finde das gar nicht einfach. Meine eigenen Erfahrungen zeigen, dass ich manchmal Musik im Hintergrund beruhigend oder auch stimulierend finde (letzteres meist, wenn ein momentan angenehmer Rhythmus stimuliert), dass mich Musik manchmal aber auch nervt. Und das mit zunehmendem Alter immer häufiger. Meine Erfahrungen mit Kindern zeigen, dass das Hören von rauschenden Bächen oder Regentropfen (meist) als zu monoton empfunden wird; dass Kinder hingegen manchmal regelrecht fasziniert sind, wenn sie (nebenbei oder mit voller Aufmerksamkeit) gregorianische Musik oder Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder Mozarts "Kleine Nachtmusik" hören. Bestimmt können Sie diese Liste beliebig erweitern, oder? Andere hingegen stört das. Und noch etwas: Wenn man aufgeregte Kinder durch langsame und "beruhigende" Musik "herunterholen" will, rennen sie oft weg oder fühlen sich genervt, wie sich auch aufmerksam spielende Kinder durch rhythmisch schnelle und dynamische Musik gestört fühlen können.

Und schließlich: Sehr aktive und impulsive Kinder und manche Kinder mit ADHS "beruhigen" sich manchmal, wenn sie sich einen Kopfhörer aufsetzen und leise Musik hören. Das schützt sie vor den Außengeräuschen, die sie ablenken würden.

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